Verlaufen im Niemandsland des Kapitalismus

Die bisherigen Regierungen und einflussreichsten Gruppen, darüber hinaus Firmenbosse und Vorstände des westlichen Kapitalismus sehen sich zusehends mit einer Situation konfrontiert, in der die Menschen der alteingesessenen und abgedroschenen Politik, Herrschaft und Philosophie mehrheitlich den Rücken kehren. Zudem befinden wir uns in einer tiefen Systemkrise, in der die Menschen, egal welcher Herkunft, Schicht oder gesellschaftlichen Status Quo grundlegend unzufriedener werden. Nicht weil fundamental der Wohlstand oder sonst irgendetwas lebensnotwendiges fehlen würde, ganz im Gegenteil, sondern weil augenscheinlich die Verteilung des Wohlstands als ungerecht angesehen wird. Auch ein zwangsweise begrenztes Wachstum wird realistisch von denjenigen registriert, die seit nunmehr Jahrzehnten diese Entwicklung erwirtschaften „dürfen“. Natürlich scheint die Wirtschaft und die Politik mit der sog. Industrie 4.0 schon eine Antwort und Alternative darauf gefunden zu haben, Wachstumserfolge auch weiterhin zu feiern, doch letztendlich bleibt die menschliche Arbeitskraft tatsächlich in vielen Bereichen (vorerst) unersetzlich. Vieles im Zusammenhang derartiger Debatten sind Panikmache und gesellschaftliche Ablenkung bzw. Verführung, die Augen vor ganz anderen Dingen zu verschließen. Auch die Erschließung (vorübergehend) neuer Arbeiterschichten scheint grundlegend fehlgeschlagen zu sein. Nur noch wenig Worte zur „Chance“ neuer Fachkräfte und einer mehrheitliche verlogenen Agenda. Leise (gezwungene) Töne. Unterdessen strotzt die vergangene Debatte über die Einwanderung nur so vor Heuchelei und gegenseitige Vetternwirtschaft auf den Rücken Millionen von Lohnarbeitern, die womöglich gegen die Konkurrenz eigene Leistungslimits weiter steigern sollen, dagegen jenen die ihre Chance dahingehend sehen, ein Leben in „westlichen Wohlstand“ erstmal zu erreichen, letztendlich trotzdem in weiser Voraussicht im Stich gelassen werden. Kämpfe innerhalb des hiesigen Volkes bevorzugt es dennoch, um den Klassenkampf nach oben weitestgehend zu verhindern. Der westliche Kapitalismus scheint nur noch wenige Chancen zum Aufstieg, weitaus größere zum Abstieg zu verwirklichen, wobei vielerorts der Leistungsdrang bzw. -anreiz ein propagierter und nur vermeintlich von Wohlstand und Sorglosigkeit getriebener Kampf gegen die Unterpreviligierten zu sein scheint. An diesen Erkenntnissen werden die Strukturen ganz klar sichtbar.

Vor allem der gegenseitige Respekt, speziell hinsichtlich der Mehrklassengesellschaft, Politik und Bürger, Unternehmer und Angestellter, aber auch jung und alt kommt völlig abhanden. Vielerorts macht sich Demut und Resignation breit. Ungerechtigkeit und Ungleichheit, die fehlende gegenseitige Wertschätzung nimmt von vielen gefühlt immer größere Formen an, was überproportional derer am unteren Ende der Gesellschaft ohne Chance um einen Aufstieg bitter aufstößt. Aber auch vielen anderen. Viele derer fühlen sich verprellt, ausgebeutet und missbraucht. Das ist weit verbreitet die gesellschaftliche Situation, ein Empfinden, das kaum zu leugnen ist. Auch politisches Vertrauen daher längst zu Grunde geht und Vertreter vom alten Schlag abgewählt werden. In der zaghafte Ansätze einer Revolte gegen die herrschende Klasse nicht unmerklich sichtbar sind und schon im großen Stil (für viele dennoch unscheinbar) von elitärer Seite bekämpft werden. Die interessierten und ein Stück weit blickenden Menschen haben es satt von einer Politik und Unternehmenskultur beherrscht und regiert zu werden, die ausschließlich von ihren eigenen Zielen gesteuert ist, dabei große Teile der Gesellschaft völlig außen vor lässt. Großkapitalisten um ihren zügel- und gewissenlosen Wohlstand wetteifern. Zur Not auch mittels Kriegen. Blumige Worte einer gesellschaftlich dominierte Demokratie wurde längst verneint und durchschaut.

Obgleich andere, dennoch falsche Propheten, ob in den USA, in Frankreich oder auf der Insel gewählt wurden, die Richtung ist jene, die die Menschen aufbegehren lässt, sich ihrem Schicksal zu stellen und sich dem bisherigen politischen und herarischen System zu verwehren. Es ist eine Entwicklung, die noch am Anfang steht und über die Zeit Formen anzunehmen scheint. Die Wahlbeteiligung zur Parlamentswahl in Frankreich beispielsweise lag bei nur knapp über 40 Prozent. Das bedeutet letztendlich nicht weniger, als dass die Politik sich immer weiter von gesellschaftlichen Interessen entfernt. Trotz einer absoluten Mehrheit bedeutet das, dass gerade einmal knapp ein fünftel hinter einer derartigen Partei an der Spitze eines Staates stehen. Wobei die allgemeine Richtung eher nach Süden zeigt, weil viele der „Gutgläubigen“ unter den Wählern längst nicht um die Lügen derer, die sie gewählt haben, wissen. Ein Boot läuft auch erst stückweise mit Wasser voll, bis es schlussendlich komplett kentert. Auf der Titanic haben auch noch Menschen getanzt, als der Untergang schon längst unvermeidbar zu sein schien. Für die EU scheint das eine vielerorts unerwartete Finanzkrise zu sein. Für die USA das Ende der Dollarherrschaft. Und für den Nahen Osten der westliche Terror, der das Potential eines großen Krieges besitzt, da braucht es nur ein Kurzschluss einzelner Personen. Die Kriegstreiber zündeln ständig im ausgedürrtem Nahen Osten. Es ist die Hoffnungslosigkeit vieler Menschen mit der derzeitigen politische Riege eine sichere, freiheitliche, gleichberechtigte und friedliche Zukunft zu erfahren. Das die Masse das Vertrauen in die Politik verliert sich um ihre Belange zu kümmern. Wobei die Politik keine anderen Antworten parat hat, Ausnahmezustände zur Regel zu machen, grundlegend Frustration und Enttäuschung zu überwachen und zu bekämpfen oder den Bürgern noch mehr Repressionen und Erniedrigungen aufzubürden. Dieses System krankt, wobei momentan alles andere als eine Heilung zu erkennen ist. Doch ist einzig die Hoffnung und der nach vorn gerichtete zielgenaue (positive) Blick das, was zu einem gesundenden Bewusstsein und heilenden Prozess führt. Auch wenn die Situation manchmal doch so verzweifelt und unabänderlich scheint.

Marcel L.

1 Comments

  1. Dein Beitrag kommt heute, oder eigentlich wie immer, wie bestellt.
    Während auf diesem Planeten täglich zigtausend Kinder und Menschen verdursten und verhungern, macht man sich in meinem Umfeld Gedanken wer die ah so teuren und neu gesetzten Pflanzen täglich und auch bei Regen wässert? Der slawische Untermensch der ich immer noch für die meisten bin, ist natürlich wie geschaffen dafür, irrgendwie muss er sich das Recht auf Existenz zwischen dem auserwählten Herrenrassenvolk ja erarbeiten, so will es Gott und das Universum, und darn führt weder ein Weg vorbei, noch muss man sich dafür schämen zu den „Bessermenschen“ zu zählen, sondern sollte (wieder) stolz darauf sein!
    Der Kapitalismus ist nur die Ausgeburt der kranken, sehr, sehr kranken Psyche der Menschen im Allgemeinen und ihn zu bekämpfen wäre genauso sinnvoll wie einem der an Kopfschmerzen leidet, in den Magen zu schlagen damit diese Schmerzen das Kopfweh überspielen.
    Hier ein Link zu einem Interview mit jemanden der die Diskrepanz zwischen erster und dritter Welt wie kaum ein Anderer kennengelernt hat und zum Glück auch kein Blatt vor den Mund nimmt diese auch so wiederzugeben, auch wenn ich natürlich seine „Demokratieträume“ nicht teile, jeden falls so lange nicht bis ich selber er.- und durchlebe in einer Demokratie zu leben.
    LG an alle!
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=38935

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